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ESSLINGER ZEITUNG

INTERVIEW MIT STEVE VON ALEXANDER MAIER VOM 22.07.2003

"Meine Musik will keinen Zeitgeist bedienen"

ESSLINGEN: Steve Winwood plaudert über seine Karriere, seine Lust auf neue Entdeckungen und seine Erfahrungen mit dem Musikbusiness

Dieser Mann ist ein Tausendsassa: Seit mehr als vier Jahrzehnten gehört er zu den prägenden Persönlichkeiten der internationalen Rock-Szene - und er überrascht Publikum und Kritiker in schöner Regelmäßigkeit mit immer neuen Ideen. Heute, Donnerstag, gastiert Rock-Legende Steve Winwood ab 20 Uhr auf der Esslinger Burg. Vor seinem Open-Air-Auftritt, der von der EZ präsentiert wird, plauderte Steve Winwood im Gespräch mit Alexander Maier aus dem Nähkästchen.

Sie waren 15 Jahre alt, als Ihre Karriere bei der Spencer Davis Group begann. War Ihr Leben nur Musik, oder hatten Sie auch eine ganz normale Kindheit?

Winwood: Na ja, ich habe mich wie die meisten Kinder erst mal für Sport begeistert. Trotzdem war unser ganzes Haus voll Musik: Mein Vater war Musiker, mein Großvater war Musiker, mein Bruder war Musiker, und ich habe mit neun Jahren auch angefangen, so richtig Musik zu machen. Dann hat mich die Leidenschaft ganz rasch gepackt. Und irgendwann kommt der Moment, an dem man sich entscheiden muss, welcher Leidenschaft man sich völlig verschreibt. Da musste ich nicht lange überlegen, dass das nur die Musik sein konnte. Und ganz ehrlich: Ich hab's nie bereut.

Bei Ihnen war das ja noch richtig harte Arbeit. Heute macht einen das Fernsehen im Handumdrehen zum Superstar - egal, ob man singen kann, sein Instrument beherrscht oder nicht. Kriegen Sie als Perfektionist nicht die Krätze, wenn Sie solche Pseudo-Stars aus der Retorte erleben?

Winwood: Ich weiß nicht, an wen Sie denken, aber Sie haben recht: Diese von der Industrie gemachten Produkte sind ein großes Problem für das Musikbusiness. Den Plattenfirmen mögen diese Kurzzeit-Stars, die ganz schnell die Hitparaden stürmen und dann ganz schnell wieder verschwinden, ja ganz gut gefallen. Aber auf lange Sicht schadet dieser Trend der Musik insgesamt, weil er alles so beliebig macht und den Leuten das Gefühl gibt, dass jeder ein Star werden kann.

Sie sind ein Star und dennoch Teil des Musikbusiness. Können Sie konsequent Ihren Weg gehen, oder versuchen die großen Plattenfirmen auch Künstlern wie Ihnen vorzuschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben?

Winwood: Deshalb bin ich bei keinem großen Label. Die erklären dir ständig, wie deine Musik klingen muss. Das mag ich nicht. Als ich mein Album "About Time" aufgenommen habe, war mir eines ganz wichtig: Ich will mit meiner Musik kein bestimmtes Publikum bedienen, keine Zielgruppe und schon gar nicht irgendeinen Zeitgeist. Ich mache die Musik, bei der ich das Gefühl habe, dass sie gut ist - und nicht die, mit der ich die besten Chancen in den Hitparaden habe. Wenn es am Ende trotzdem für die Charts reicht - umso besser! Das kannst du dir nur leisten, wenn du keine Plattenfirma hast, die alles vorgibt.

Sie haben mit vielen Größen der Rockmusik gespielt: Ginger Baker, Eric Clapton, Jim Capaldi und viele mehr. Was war die spannendste Zeit Ihrer Karriere?

Winwood: Klar war es ein ungeheures Glück, dass ich mit solchen Leuten zusammenarbeiten durfte. Aber ein noch viel größeres Glück ist es, dass ich zu jeder Zeit genau die Musik machen konnte, die ich wollte. Und wenn du die Möglichkeit hast, neue Wege zu gehen, wann immer du nur willst, ist stets die Gegenwart die spannendste Zeit, weil sie dir Neues und Spannendes bringt.

Es klingt reizvoll, in einer Band wie "Blind Faith" mit lauter Top-Leuten zu spielen. Warum haben Sie sich dennoch für Ihre Solokarriere entschieden?

Winwood: Ich hab' schon in den siebziger Jahren aufgehört, mit solchen Bands zu spielen, weil ich den Eindruck hatte, dass ich das, was ich musikalisch tun will, besser entwickeln kann, wenn ich mein eigenes Ding mache. Und ich hatte damals das Gefühl, endlich zu wissen, wohin ich möchte. Natürlich arbeite ich auch jetzt mit anderen Musikern, die viel zu meinen Soloprojekten beitragen - vor allem im improvisatorischen Bereich. Aber am Ende ist es doch vor allem meine Musik.

Wenn man sich Ihre Karriere anschaut, haben Sie stets versucht, Ihre Musik kontinuierlich weiterzuentwickeln. Ist das Ihr wichtigstes Erfolgsgeheimnis?

Winwood: Ich hatte nie das Gefühl, dass ich ständig wie besessen etwas Neues zu machen versuche. Mich haben immer die Neugierde und der Wunsch angetrieben, mehr über die Musik und über die verschiedenen Instrumente zu erfahren, die mich interessiert haben. Und je mehr du kennen lernst, desto mehr Ideen kannst du auch einbringen. Mich hat die Neugierde zu wundervollen Entdeckungsreisen inspiriert - was kann sich ein Musiker mehr wünschen?

Was gefällt Ihnen besser: Im Studio an einer neuen Platte zu arbeiten oder - wie heute in Esslingen - auf der Bühne zu stehen?

Winwood: Beides ist ganz wichtig und kann riesig Spaß machen, auch wenn es zwei völlig unterschiedliche Arten sind, Musik zu machen. Und solange ich es körperlich irgendwie schaffe, live aufzutreten, werde ich das ganz bestimmt auch tun. Ich habe jetzt wieder verstärkt angefangen, auf Tournee zu gehen, weil ich das Gefühl habe, dass dieser direkte Kontakt zum Publikum sehr wichtig ist - und dass er gerade heute immer wichtiger wird.

Was darf das Esslinger Publikum heute von Ihnen erwarten: Spielen Sie vor allem Titel Ihres neuen Albums "About Time", oder gibt es auch die alten Hits zu hören?

Winwood: Es wird von allem etwas dabei sein. Aber so genau kann ich das noch gar nicht sagen, weil jedes Konzert ein bisschen anders ist. Ich lasse mich selbst gerne überraschen, wohin das geht. Aber ganz klar: Es wird Songs aus den guten, alten Zeiten ebenso wie ganz neue Titel zu hören geben. Wir hören in jede Phase meiner Karriere ein bisschen rein und werden auf der Burg bestimmt viel Spaß miteinander haben.

   

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ChO